Ruanda: Afrikas aufgehender Stern.

Samstag, 8 Uhr morgens. Ich streune etwas planlos durch ein Armenviertel, das sich an einem Berghang unweit des Stadtzentrums der ruandischen Hauptstadt Kigali erstreckt. Es ist still und es ist kaum jemand zu sehen. Nur ein paar Kinder spielen vor ihren Hütten und beobachten mich. Plötzlich nimmt mich ein Mädchen an die Hand und führt mich durch die engen, verwinkelten Gassen. Sie ahnt nach was ich suche. Nach ein paar Minuten erreichen wir am Fuße des Hügels einen Platz, auf dem sich dutzende Erwachsene versammelt haben. Es ist der letzte Samstag im Monat. Zeit für Umuganda.

Gelebte, aktive Bürgergesellschaft.

Umuganda bedeutet wortwörtlich übersetzt „Beitrag“. An jedem letzten Samstag im Monat treffen sich die arbeitsfähigen Bewohner eines Dorfes oder Stadtviertels, um einer gemeinschaftlichen Arbeit zum Wohle aller nachzugehen: Zum Beispiel eine Schule bauen, Bäume pflanzen, eine Straße reparieren oder einfach nur aufzuräumen. Die Arbeit wird von den Dorfvorstehern festgelegt und geleitet. Die meisten machen mit. Umuganda ist ein leuchtendes Beispiel für gelebte, aktive Bürgergesellschaft.

Ruanda überrascht jeden Tag.

Dabei ist Umuganda ist nicht die einzige Besonderheit, mit der mich das kleine Land im Herzen Afrikas überrascht. Denn bevor ich mich tiefer damit beschäftigte, brachte ich nicht allzu viel Positives mit Ruanda in Verbindung: Das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas. Armut. Eine durch die Kolonisation der Europäer in Rassen zertrennte Gesellschaft. Ein furchtbarer Völkermord vor gerade einmal 21 Jahren. Entsprechend meiner Reiseerfahrungen erwartete ich massive Umweltverschmutzung, aggressiven Verkehr sowie das schaudernde Gefühl, durch ein gewalttätiges Land zu fahren.

Heute könnte ich mich kaum mehr für meine negativen Erwartungen schämen. Wie kein anderes Land hat mir Ruanda gezeigt wie falsch es ist Vorurteile zu haben. Denn Ruanda macht in vielen Dingen einen Unterschied.

Ein Vorbild im Umweltschutz. In Afrika und weltweit.

So zum Beispiel auch beim Umweltschutz: In Ruanda sind Plastiktüten verboten. Es ist das einzige mir bekannte Land das diese unsägliche Verschwendung von Ressourcen ausnahmslos verbannt hat. Während im Rest der Welt jeder Einkauf meist in gleich mehrere Tüten gepackt wird, die dann früher oder später millionenfach auf dem Müll oder am Straßenrand landen, setzt Ruanda konsequent auf Papiertüten. Das Ergebnis ist für jedermann sofort sichtbar: Ruanda ist eines der saubersten Länder die ich besucht habe. Und das mitten in Afrika.

435 Einwohner pro Quadratkilometer.

Mitten in Afrika. Ruanda hat durch seine geografische Lage mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen. Es hat keinen Zugang zum Ozean, auch nicht durch befahrbare Flüsse. Es dauert Tage bis sich die schweren LKW mit Gütern aus Übersee vom großen kenianischen Hafen Mombasa über die ostafrikanische Transitstrecke durch Kenia und Uganda bis nach Ruanda quälen. Dadurch steigen die Importkosten um etwa das Doppelte. Zudem ist das Land mit gerade einmal 26.000 qm nur etwa ein Drittel so groß wie meine Heimat Bayern, in der 12,4 Millionen Menschen leben. In Ruanda sind es fast genauso viele.

Vermutlich liegt genau darin ein entscheidender Grund dafür, dass die Ruander so auf ihre Natur achten. Ihre Flächenressourcen sind stark begrenzt. Fast jeder Quadratmeter wird landwirtschaftlich genutzt. Dadurch entsteht das typische landschaftliche Bild Ruandas: Kleine, überschaubare Ackerbau-Partitionen auf den unzähligen Hügeln des Landes. Fast alles wird privat bewirtschaftet, und nahezu alles geht in den eigenen Verbrauch. Dabei reicht die landesweite Produktion nicht aus – das Land ist auf zusätzliche Importe angewiesen um seine Bevölkerung zu versorgen.

Ruanda war schon immer organisiert.

Doch angesichts dieser schwierigen Ausgangslage schlägt sich Ruanda sehr gut. In den kleinen Dingen, die den Alltag bestimmen, sticht Ruanda aus der Region heraus: Ich fühle mich jederzeit sicher. Das Verhalten der Verkehrsteilnehmer ist fair und gelassen. Mit Polizeikorruption werde ich kein einziges Mal konfrontiert. Es gibt wenig Kleinkriminalität. Die Infrastruktur ist gut.

Auch an der Zukunft arbeitet Ruanda: Der Ausbau eines Glasfasernetzwerkes ist im Gange – Ruanda will sich zum digitalen Musterland Afrikas entwickeln. Und das Wichtigste: Ruanda liegt in der Bekämpfung der Kindersterblichkeit historisch gesehen ganz vorne, wie die Bill and Melinda Gates Fundation berichtet.

„Woher kommt diese Fähigkeit, das Land so zu voranzubringen?“, frage ich Dolph, einen jungen Geschäftsmann, den ich abends in einer Bar kennenlerne. „Es hat durchaus historische Gründe,“ erzählt er mir. „Ruanda war schon immer gut organisiert. Es gab früher den König, die Provinzvertreter und die Administrationen auf den Hügeln. Durch diese Verwaltung, die sich an den landschaftlichen Erhebungen des Landes orientierte, konnte der König seine Anweisungen binnen Minuten durch Trommelsignale ins ganze Land kommunizieren und durchsetzen.“

Höchste Frauenquote in einem Parlament – weltweit.

Freilich funktioniert Ruandas Politik heute moderner, stellenweise sogar extrem fortgeschritten. Ruandas Parlament hat mit unfassbaren 64 % den höchsten Frauenanteil weltweit. Und auch wenn die Gründe hierfür im Genozid von 1994 liegen, bei dem viele Männer getötet wurden und Frauen danach politische Ämter übernahmen, so sind sie auch heute noch in der Politik stark etabliert.

Die Schattenseiten in der Politik.

Doch es gibt Dinge, in denen Ruanda nicht als Vorbild taugt: Präsident Paul Kagame, der 1994 die Ruandan Patriotic Front (RPF) von Uganda aus ins Land führte und damit den Genozid beendete, regiert das Land durchaus mit strenger Hand. Die Pressefreiheit existiert mehr auf dem Papier als in der Realität, und politische Gegner klagen über Repressionen, bis hin zu Vorwürfen an nicht aufgeklärten Morden an Oppositionellen.

„Wir alle wissen, woher Kagame kommt,“ führt Dolph weiter aus, indem er auf die Vergangenheit des Präsidenten anspielt. „Sein Hintergrund als militärischer Anführer ist immer noch präsent. Nicht alles was er macht ist gut, aber Einiges ist richtig. Er führt das Land wie ein Unternehmen, um es voranzubringen.“

Und auch wenn angesichts der brutalen Ereignisse vor 21 Jahren noch lange nicht alle Wunden geheilt sind, so hat er es geschafft das Land wieder einigermaßen zu stabilisieren. Durch eine zeitnahe, schonungslose und öffentliche Aufarbeitung des Genozids. Und durch eine simple Formel, die nur eines im Sinn hat – nämlich die durch die Europäer etablierte Rassentrennung ein für alle Mal zu durchbrechen:

„Wir sind keine Tutsi, wir sind keine Hutu. Wir sind Ruanda.“

Lernen vom Land der tausend Hügel.

Diese Formel spüre ich am deutlichsten an jenem Samstagmorgen bei der Umuganda, der Gemeinschaftsarbeit. Es ist inzwischen 9 Uhr, die Versammlung am Fuße des Hügels ist langsam beendet. Und während sich die Menschen in den Gassen zwischen den Hütten des Slums verteilen, um den ihnen zugewiesenen Aufgaben nachzugehen, habe ich schon lange meine Vorurteile gegenüber diesem Land vergessen.

Denn es gibt hier so viel mehr als Armut, Überbevölkerung und Völkermord. Es gibt hier ein paar Dinge, von denen wir im Westen lernen können. Von einem Land mitten im Herzen Afrikas, vom Land der tausend Hügel. Von Ruanda, Afrikas aufgehendem Stern.

ENGLISH:

Rwanda: Africa’s Rising Star

Saturday, 8 a.m. I was roaming somewhat at random through a slum sprawled over a hillside not far from the centre of the Rwandan capital, Kigali. It was quiet and there was almost no one to be seen. A couple of children were playing outside of their shacks and watching me. Suddenly, a girl took my hand and led me through the narrow, winding streets. She had guessed what I was looking for. After a few minutes we reached an open space at the foot of the hill where dozens of adults had gathered. It was the last Saturday of the month. It was time for Umuganda.

A civil society in action.

Translated literally, Umuganda means ‘contribution’. On the last Saturday of every month, all the residents of a village or district who are able to work meet to perform common work for the good of everyone, such as building a school, planting trees, repairing a road or simply tidying up. The work is defined and supervised by the village elders. Most people get involved. Umuganda is a shining example of a civil society in action.

Rwanda has a new surprise every day.

Umuganda was not the only particularity that surprised me in this small country in the heart of Africa; before I got to know it better, I did not associate many positive things with Rwanda. It is the most densely populated country in Africa. Poverty is widespread. Its society was split along racial lines due to European colonisation. An awful genocide occurred just 21 years ago. Based on my experiences, I expected massive environmental pollution, aggressive traffic and the unsettling feeling of travelling through a violent country.

Today, I could not be more embarrassed about my negative expectations. Rwanda has shown me how wrong it is to hold prejudices in a way no other country could, as it is making a difference in many ways.

A role model for environmental protection. In Africa and worldwide.

Such as in environmental protection: plastic bags are banned in Rwanda. It is the only country I know of to have banned this indescribable waste of resources without exception. Whereas in the rest of the world most shopping is packed into several bags which will sooner or later end up in the bin or at the roadside, Rwanda relies entirely on paper bags. The result is instantly clear to everyone: Rwanda is one of the cleanest countries I have visited. And again, I am talking about a country in the middle of Africa.

435 residents per square kilometre.

In the middle of Africa. Its geographical location means that Rwanda has to deal with extraordinary challenges. It has no access to the sea, not even by river. It takes days for heavy lorries carrying goods from overseas to travel along the East African transport corridor from the large Kenyan port of Mombasa through Kenya and Uganda to Rwanda. The import costs almost double in the process. Additionally, at just 26,000 m2 the country is around one third the size of my home state, Bavaria, where 12.4 million people live. There is almost the same number in Rwanda.

Presumably this is a crucial reason why Rwandans are so protective of their environment. Their surface resources are greatly limited. Almost every square metre is used for agricultural purposes. This is the reason for the standard image of the Rwandan countryside: small, manageable partitions covering the country’s countless hills. Almost all crop areas are private and almost everything is consumed by the farmers themselves. Still, the country is unable to produce enough – it relies on supplementary imports in order to feed its population.

Rwanda has always been organised.

Given this difficult situation, Rwanda is faring excellently. It is ahead of the rest of the region when it comes to the little things that shape everyday life: I always felt safe. Drivers are fair and calm. Not once did I experience any police corruption. There is only little petty crime. The infrastructure is good.

Rwanda is also working on its future: work is under way on a fibre optic network as Rwanda wants to become Africa’s digital role model. And the most important thing: Rwanda is playing a leading role in combating infant mortality, as reported by the Bill and Melinda Gates Foundation.

‘Where does this ability to advance the country come from?’ I asked Dolph, a young businessman whom I met in a bar one evening. ‘The reasons are all historical’, he explained. ‘Rwanda has always been well organised. In the past there was the king, the provincial representatives and the administrations on the hills. Through this form of government, which was based on the topography of the country, the king was able to use drum signals to communicate and implement his instructions throughout the country in minutes.’

The highest percentage of women in a parliament – worldwide.

Rwanda’s politics are certainly now more modern and in some aspects even extremely advanced. At an incredible 64%, Rwanda’s parliament has the highest percentage of women in the world. And even if this is the result of the genocide of 1994 in which many man were killed, causing women to take over political offices, they remain well established in the world of politics to this day.

The political underbelly.

Yet there are things in which Rwanda is not a paragon. President Paul Kagame, who in 1994 led the Rwandan Patriotic Front into the country from Uganda and thus ended the genocide, rules the country with an iron fist. The freedom of the press exists more on paper than it does in practice, and political opponents complain of being repressed and even accuse the government of unsolved murders of opposition members.

‘We all know where Kagame comes from’, continues Dolph, alluding to the president’s past. ‘His background as a military leader is still relevant. Not everything he does is good, but some things are right. He runs the country like a company in order to drive it forwards.’

And even if all the wounds have not yet healed in light of the brutal events that took place 21 years ago, he has managed to restore a certain degree of stability to the country by confronting the genocide in a contemporary, unsparing and public fashion. And with a simple formula with a single goal – to obliterate the racial segregation established by the Europeans once and for all. ‘We are not Tutsi and we are not Hutu. We are Rwanda.’

Learning from the land of a thousand hills.

This formula was most perceptible to me on that Saturday morning at Umuganda, the community work. It was now 9 a.m. and the assembly at the foot of the hill had slowly come to an end. And as the people dispersed into the streets between the shacks in the slum to start the work assigned to them, I realised that I had long since forgotten my prejudices against the country.

There is so much more here than poverty, overpopulation and genocide. Here there are a few things the West could learn from. From a country in the heart of Africa, from the land of a thousand hills. From Rwanda, Africa’s rising star.

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